GGUT

Der Großglockner ULTRA-TRAIL® oder kurz GGUT sollte für mich 2016 die ultimative Herausforderung werden. Erstmals in meiner Karriere als Ultraläufer stellte ich mich den magischen 100 km entgegen. Dem nicht genug waren auch noch 6500 hm im großteils hochalpinen Gelände zu überwinden!

Der GGUT führt weitgehend auf Wanderwegen, der so genannten, "Glocknerrunde" rund um Österreichs höchsten Berg, den Großglockner (3798 m). In der einzigartigen Landschaft des Nationalparks Hohe Tauern geht es durch 3 Bundesländer, 7 Täler, 6 Gemeinden, 2 mal über die Alpen, vorbei an 14 Gletschern, rundherum rund 300 Gipfel mit mehr als 3000 m. Start und Ziel des Rennens sind in Kaprun!

Die Tage vor dem Rennen kreisten meine Gedanken oftmals um das Wetter, das uns erwarten wird. Die Prognosen waren ja nicht so rosig, da war von Starkregen bis Gewitter alles mit dabei! Weil ich mit Sicherheit kein Schönwettersportler bin, aber vor Gewitter und Regenfällen, die auf 2800 Meter schon mal zu Schnee werden können, habe ich höchsten Respekt! Ein Wettersturz in diesen Höhen hat schon unzählige Bergsteiger in alpine Notlagen gebracht, und zu diesen möchte ich mich weiß Gott nicht zählen. Um im Extremfall gerüstet zu sein, wurde, wie es bei solchen Ultra – Trails zwingend notwendig ist, auch eine Mindestausrüstung vorgeschrieben, die auch während des Rennens akribisch kontrolliert wurde! Ich persönlich durfte drei Mal meinen Rucksack und dessen Inhalt vorzeigen!

Der Wettergott zeigte sich schlussendlich aber gnädig und somit konnte vom österreichischen Wetterguru, Karl Gabl, grünes Licht für die Originalroute gegeben werden!

Freitag 06:00 Uhr! Der Wecker läutete. Eigentlich wie jeden Tag unter der Woche, nur dass diesen Freitag doch alles ein wenig anders war. Die Nervosität, die sich schön langsam über die Woche aufgebaut hatte, war nun nahezu am Höhepunkt angelangt! In 18 Stunden sollte ich in Kaprun am Start stehen und in mein bisher größtes sportliches Abenteuer starten! Aber zuerst stand noch für ein paar Stunden die Arbeit am Programm bevor es dann um 12:30 Uhr mit Sonja und Gregor ab nach Kaprun ging!

Die Anfahrt gestaltete sich relativ entspannt und so erreichten wir nach gut zweieinhalb Stunden den beschaulichen Ort am Fuße des Kitzsteinhorns.

Nachdem wir im Hotel eingecheckt hatten, begann ich umgehend damit, den Rucksack mit dem nötigen Equipment zu packen. Die komplette Ausrüstung musste bei der Startnummernabholung vorgezeigt werden! Mit Sack und Pack machte ich mich anschließend auf in Richtung Start- und Zielgelände, wo sich auch die Startnummernabholung und die Abgabe der Drop-bags befand. Anschließend wurde ein Lokal im Herzen Kapruns aufgesucht wo es für mich eine Pizza Tonno mit einem alkoholfreien Weizenbier gab. Pizza top, Bier flop! ;-) Während des Essens öffnete auch der Himmel noch einmal seine Schleusen, und ein gewaltiger Regenschauer mit Gewittern zog über Kaprun hinweg. Das ganze Spektakel dauerte aber nur ein paar Minuten, danach schien auch schon wieder die Sonne.

16:30 Uhr! Nur mehr wenige Stunden bis zum Start. Die verbleibende Zeit nutzte ich mit einem ausgiebigen „Nachmittagsschläfchen“, das ich gegen 22:00 Uhr gut erholt beendete. Als Muntermacher gab es einen Kaffee aus der Dose mit zwei Müsliriegel und einigen Schluck Wasser, um das Zeugs runter zu spülen! Anschließend folgte der obligatorische Gang auf das stille Örtchen.

23:00 Uhr! Nun wurde es ernst! Rein in die Laufklamotten, Wasserflaschen füllen, Verabschiedung von Sonja und raus auf die dunklen Straßen von Kaprun. Normalerweise würde ich die paarhundert Meter zum Start laufen, aber dieses Mal sollte es nur mit schnellen Schritten dem Startbogen entgegen gehen.

Aus allen Gassen krochen nun die Läufer, wie Ratten aus ihren Löchern heraus, um sich beim Start einzufinden, wo es um 23:30 Uhr mit dem Briefing losging. Hier erfuhren wir noch einmal die wichtigsten Informationen zur Strecke und zum Wetter, das sich zu dieser Zeit von seiner besten Seite zeigte. 16 Grad und leicht bewölkt, so könnte es den ganzen Tag bleiben!

23:50 Uhr! Ich versuchte in der Meute, die mir bekannten Gesichter ausfindig zu machen, um ihnen alles Gute für die bevorstehende Tortur zu wünschen. Unter ihnen befanden sich unter anderem Alois Leitner (Trailmaschine der ersten Stunden), Dominik Aichinger, Günther Neuhuber u.v.m..

23:58 Uhr! AC/DC ertönte aus den Lautsprechern. Bin ich auf La Palma, fragte ich mich?! Der Countdown, 10, 9, 8, ….. holte mich zurück in die Realität und von nun an gab es kein Halten mehr! 228 Verrückte (205 Männer, 23 Frauen) machten sich auf den Weg in das Dunkle der Nacht und hatten nur ein Ziel vor Augen: Kaprun! Das war aber zu diesem Zeitpunkt durch 110 km und 6500 hm von uns entfernt!! Geil oder einfach nur krank?! Im Nachhinein betrachtet würde ich sagen, beides trifft zu! J

Von der Polizei eskortiert ging es durch die Straßen von Kaprun. Nach wenigen hundert Meter auf Asphalt wechselte der Belag auf Schotter und kurz darauf befanden wir uns auch schon auf einem Singletrail, der sich dem ersten nennenswerten Anstieg hochschlängelte. Der lockere Laufschritt wurde zum schnellen Gehen mit Stockeinsatz. Ich versuchte von Anfang an, mein eigenes Tempo zu machen und mich nicht von den anderen Läufern, die an mir vorbeizogen, irritieren zu lassen. Das Ganze ging eine Weile so dahin, bis ich bei Kilometer zehn auf einen alten Bekannten traf. Alois Leitner tauchte in der Dunkelheit vor mir auf. Da man einen Lois Leitner anstandshalber nicht einfach so überholt, beschloss ich kurzerhand mit ihm zu laufen, so lange es meine Beine zuließen. Wir redeten über Gott und die Welt; so verflogen die ersten 22 km mit 1600 hm bis zur ersten Labstation wie im Flug. Nach dem Befüllen der Flaschen und einigen Snacks (Tomaten, Käse, Brot) sollte uns nun der erste „richtige“ Anstieg zur unteren Pfandlscharte (2663 m) bevorstehen. Dieser Teil der Strecke führte uns von den Almen hinauf in hochalpines Gelände, das wir nun für mehrere Stunden, oder genauer gesagt für 30 km, nicht mehr verlassen würden. Beim finalen Anstieg zur Scharte ging am Horizont langsam die Sonne auf; was für ein magischer Moment. Dominic Miglbauer, auch ein bekanntes Gesicht in der Trailrunningszene, gesellte sich zu uns. Von nun an ging es zu dritt weiter in Richtung Glocknerhaus (2132 m). Die Singletrails, die dabei gelaufen werden durften, kann man gar nicht mit Worten beschreiben. Der Trailgott höchstpersönlich muss hier seine Hand angelegt haben; himmlisch! Ebenso himmlisch war dann auch die Labe beim Glocknerhaus, die ausgiebig von uns genutzt wurde.

Nächstes Ziel sollte die Stüdlhütte (2801 m) werden. Der Haken an der Sachen waren die 15 km und knapp 1400 hm, die uns von ihr trennten. Die malerischen Trails führten uns an der Salmhütte vorbei über die Pfortscharte (2828 m). Von dieser es, bevor wir die Stüdlhütte erreichen sollten, noch einmal knackige 300 hm hinunter ging. Was sich bei mir nun schon bemerkbar machte, war die Höhenluft. Das Tempo im Aufstieg musste dementsprechend nun schon stark reduziert werden. Muskulär fühlte ich mich aber immer noch „frisch“ und so gestaltete sich der Downhill nach Kals in Tirol (1324 m) zu einem wahren Genuss! In Kals wurde ich mit tosendem Applaus empfangen, waren doch zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz so viele vom Ultra dort angekommen! ;-) Der Service in der größten Verpflegungsstelle war genial. Diesen nutzte ich ausgiebig und dadurch verbrachte ich fast 25 Minuten dort!

Der Drop-bag wurde mir schon unter die Nase gehalten, da war ich geistig noch nicht einmal dort angekommen! J Es wurde mir eine Gemüsesuppe mit Brot gereicht. Die Wasserflaschen wurden gefüllt und sogar die Startnummer wurde mir vom getragen Shirt, das nach nun 60 km und 4500 hm „etwas“ verschwitzt war, genommen und auf das frische montiert. Nur die Schuhe musste ich mir selber ausziehen und vom gesammelten Gestein entledigen. Da wäre für nächstes Jahr noch Potenzial vorhanden! ;-) Socken wurden trotz Löcher nicht getauscht da von Blasen oder der Gleichen nichts zu spüren war. Im Rucksack verstaute ich noch Riegel und Gels und dann ging es auch schon mit Dominic und Paul weiter Richtung Rudolfshütte. Lois wollte nichts überstürzen und genoss noch in aller Ruhe sein Wieselburger aus der Dose als ich mich von ihm verabschiedete und ihm für den Rest der Strecke (50 km, 2000 hm) alles Gute wünschte. J

Die Route führte uns nun im nicht mehr ganz so lockeren Laufschritt durch den Ort Kals. Unmittelbar danach ging es über Wanderwege, einer wunderschönen Klamm und auf nicht so schönen Forststraßen vorbei an der Berger Alm Richtung Kalser Tauernhaus (1755 m). Hier wechselte ich zwischen Laufschritt und schnellem Gehen. Ich wollte mein letztes Pulver nicht auf einer Forststraße verschießen. Das Tempo von Paul konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht halten und auch Dominic musste abreißen lassen, somit war ich nun alleine am Weg über die Kalser Tauern (2518 m) zum Berghotel Rudolfshütte (2315 m). Die Labe beim Berghotel wurde wieder ausgiebig genutzt. Hier hatte ich ca. 80 km und 5800 hm in den Beinen. Laufzeit um die 13 Stunden!! (Bemerkung am Rande: Für den Abschnitt (22 km, 1300 hm) von Kals zur Rudolfshütte benötigte ich 3:05.40, was die fünftbeste Laufzeit für diesen Abschnitt bedeutete!!) Ich labte mich mit klarer Gemüsesuppe, Käse, Wurst und einigen Gummibären. Hier sollte ich auch wieder auf Dominic und Paul treffen, allerdings verließ ich die Labe ohne die Beiden.

Nun trennte mich nur mehr ein Anstieg, knapp 30 km und 700 hm hinauf zum Kapruner Törl (2639 m) vom Ziel in Kaprun. Allerdings wurde das Gelände nun zunehmend ruppiger und war bei weitem nicht mehr so gut laufbar wie zu Beginn: loses Gestein soweit das Auge reichte. Hier war absolute Konzentration von Nöten, ein falscher Schritt, und aus der Traum vom Zieleinlauf in Kaprun!

Der Anstieg stellte sich entgegen aller Erwartungen als relativ kurzweilig dar, und der anschließende Downhill über die Schneefelder war ein Hochgenuss. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte mal 400 hm in 10 Minuten abwärts gelaufen bin! J

Alles andere als kurzweilig war dann der Trail zu den Kapruner Hochgebirgsstauseen (2040 m). Vom Gefühl her verging eine halbe Ewigkeit bis ich bei der LETZTEN Labe einlief. Die Stimmung war einfach nur ein Traum. Ich scherzte mit den Bergrettern und den netten Leuten an der Labe. Jetzt sollte ich das „Ding“ in der Tasche haben, trennten mich doch nur mehr 16 km und 700 negative hm von Kaprun! Zu meiner Freude tauchte auf der Staumauer Paul wieder auf. Wir beschlossen gemeinsam Kaprun entgegen zu rocken und so sollte es dann auch sein! Für das Grande Finale benötigten wir ca. 1,5 h!!! Unglaublich nach 95 km und 6500 hm noch so laufen zu können. Keine Ahnung wie das ging, aber es ging. Eines der Highlights war dann noch ein fetter Murmler, der vor uns über den Trail lief, genial!

18h16min53sec zeigte die Uhr über dem Zielbogen an, als wir gemeinsam in Kaprun einliefen! Die Emotionen in diesem Moment sind unbeschreiblich, und ich habe das Ganze bis heute noch nicht wirklich realisiert bzw. verarbeitet. Die Eindrücke und Erlebnisse, die man bei so einem Lauf sammelt, kann man nicht in einer Woche verarbeiten, da bedarf es schon etwas mehr Zeit!

Bedanken möchte ich mich ganz besonders bei Sonja und all den anderen lieben Menschen, die mich während des Laufes direkt am Trail oder über Livetracking begleitet haben. Es tut gut, wenn man weiß, dass man nicht alleine ist auch wenn man vielleicht gerade auf 2800 m scheinbar alleine über die Alpen läuft; DANKE!

Der GGUT war top organisiert und wird mit Sicherheit ein fixer Bestandteil im Rennkalender der Topläufer werden! Die Ausfallsquote ist vielleicht etwas hoch, aber was will man erwarten, wenn man bei „One of the hardest Ultratrails“ an den Start geht?!

ULTRAtrailige Grüße,

Matthias

Ergebnisse

PS: Ich werde mich nun für unbestimmte Zeit aus dem Wettkampfgeschehen zurückziehen! Was aber nicht heißen soll, dass ich nicht mehr auf den Bergen anzutreffen bin! ;-)

Kommentare   

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